Hartmut Preyer

Roda de Choro

Choro ist die erste musikalische Eigenproduktion Brasiliens. Er entstand (die Zahlen gehen da manchmal auseinander) ca. 1870 in Rio de Janeiro, eine der ersten und oft gespielten Kompositionen ist Flor Amorosa von Joaquim Antonio da Silva Calado. Hier gibt es einen guten Artikel über diese Zeit. Choro vereint viele europäische Tanzstile des 19. Jahrhunderts mit afrikanischen Rhythmen und war eine zeitlang die Musik in Brasilien schlechthin mit vielen Komponisten, von denen hier nur ein paar sehr wichtigte genannt sein sollen. Pixinguinha, Chiquinha Gonzaga, Ernesto Nazareth und Irineu de Almeida. Das ist aber wie gesagt nur eine Miniauswahl und hat mehr mit meinem Geschmack als mit was anderem zu tun. Choro hatte immer seine ups und downs, er ist halt weit entwickelte Instrumentalmusik und mit Aufkommen des Radios wollten die Leute mehr Gesang hören. Also hatte der Samba diese Rolle in den 30iger Jahren übernommen. Trotzdem gab es immer wieder Revivals wie mit u.a. Jacob do Bandolim in den 50iger Jahren. Dann übernahm der Bossa Nova usw.

Roda de Choro

Anfang der Jahrtausendwende (oder vielleicht auch ein bisschen früher) erlebte der Choro eine neue Blüte und diesmal schwappte die Welle auch über die Copa Cabana auf den Rest der Welt über. Zu verdanken hat sie das auch dem Film Brasileirinho von Mika Kaurismäki, der 2005 in Berlin Premiere hatte und der viele Leute rund um den Globus dazu inspiriert hat, Choro zu machen. Natürlich hat es auch davor schon Chorões außerhalb Brasiliens gegeben, aber der Umfang mit Rodas in vielen Städten in Europa, USA und Japan hat eine ganz andere Qualität. Choro hat sich zur Schule entwickelt: Die Schule der brasilianischen Musik.

Eine Roda de Choro ist das brasilianische Äquivalent zur Jam-Session im Jazz. Roda bedeutet eigentlich Kreis und bezeichnet die übliche Anordnung der Musiker: Runder Tisch, auf dem sich Noten und Getränke stapeln und drum herum die Musiker, die sich so besser sehen können.

Die Roda ist auch eine Anlaufstelle für Musiker auf der Durchreise oder neu im Land, die die brasilianische Szene einer Stadt kennenlernen wollen, Kontakte knüpfen und natürlich Musik machen wollen. Sie sollte regelmäßig stattfinden, quasi ein feste Institution.

Die Roda de Choro ist der Ort, an dem man lernt, Choro zu spielen. Sie ist nicht der Ort, um ein Instrument oder vomblattlesen zu lernen. Dazu ist die Materie dann doch zu kompliziert und bevor man sich einen Frust holt, sollte man sich als Neuling einfach ein paar Chorinhos herauspicken (die Leute von der Roda helfen da gerne weiter) und sie sich zuhause draufschaffen, bevor man sie in der Öffentlichkeit (sprich: Roda) zum besten gibt. Man will ja schließlich auch ein Erfolgserlebnis haben.